Grußwort zur Ausstellungseröffnung „Wir! Sind! Hier!“

„Liebe Frau Katz, lieber Herr Oberbürgermeister, sehr geehrter Herr Dr. Klein, sehr geehrter Herr Reitzenstein, liebe Gemeindemitglieder, sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die Möglichkeit, hier sprechen zu dürfen.

Ich bin Teil einer Generation, für die Frieden und ein zivilisiertes Miteinander in Europa eine Selbstverständlichkeit waren. Jetzt gibt es wieder Krieg in Europa. Wir alle sind noch dabei, uns in dieser neuen Lebensrealität mit all ihren Konsequenzen zurechtzufinden.

Ich sage das auch deshalb, weil ich weiß, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer und ukrainisch-stämmige Menschen unter Ihnen sind. Unser aller Gedanken sind in diesen Stunden bei Ihren Familien und Freunden in der Ukraine.

Ich weiß, dass nicht zuletzt auch die zunehmenden, brutalen und mit nichts zu rechtfertigenden Angriffe auf die Zivilbevölkerung, gerade auch in der Ukraine schlimme Erinnerungen wecken.

Erinnerungen an das schreckliche Leid, dass Ukrainerinnen und Ukrainer im Zweiten Weltkrieg widerfahren ist.

Erinnerungen an etwa 1,5 Millionen ukrainische Jüdinnen und Juden, die kaltblütig ermordet wurden.

Erinnerungen, die Wladimir Putin mit seiner grotesken und geschichtsvergessenen Rhetorik von „Entnazifizierung“ schändet, während gleichzeitig russische Angriffe zivile Opfer fordern und dabei die Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar beschießen. Bis zur Befreiung der ukrainischen Hauptstadt durch die Rote Armee im November 1943 wurden in Babyn Jar rund 100 000 Menschen ermordet.

Organisiert wurde der Holocaust, die Verschleppung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Europas auf der Wannseekonferenz, am 20. Januar 1942. Das Protokoll der Konferenz ist nach wie vor erschütternd und zeigt die nicht zu fassende Grausamkeit der Nazi-Diktatur. Und an dieses Menschheitsverbrechen erinnert die Ausstellung „Wir! Sind! Hier!“ Ein fotografisches »Dennoch!«“ auf eine ganz besondere, und eine besonders wichtige Weise – indem sie Überlebenden der im Nationalsozialismus Verfolgten ein Gesicht gibt und ihre persönlichen Geschichten erzählt, und das Leid so personalisiert.

Eine solche personalisierte Erinnerungskultur wird immer wichtiger. Denn noch in meiner Jugend war es nicht nur selbstverständlich, dass man in der Schule ein ehemaliges Konzentrationslager besucht,  sondern auch, dass wir im Unterricht oder in Veranstaltungen mit Zeitzeugen und Überlebenden des Holocausts gesprochen haben und so in Berührung mit dem nicht fassbaren Leid und den abscheulichen Menschheitsverbrechen der Nazis gekommen sind.

Aber: Meine Generation ist die letzte, die direkten Kontakt mit Überlebenden hat, die mit Zeitzeugen über deren Leid sprechen kann und konnte.

Deswegen ist es heute so wichtig, sich damit zu beschäftigen, wie Erinnern in Zeiten ohne Zeitzeugen aussehen kann.

Denn die Opfer dürfen nicht in Vergessenheit geraten, dürfen nicht verblassen. Sie dürfen nicht nur „die Opfer“ sein, sondern müssen sichtbar sein – so wie es diese Ausstellung ermöglicht, in der Überlebende fotografisch porträtiert werden. Menschen wie Rachel Oschitzki, Emil Farkas oder Lilian Levy – um nur drei Namen zu nennen, deren Geschichten ich im Vorfeld auf der Website zur Ausstellung nachlesen konnte.

Durch diese persönlichen Geschichten soll fassbar gemacht werden, was eigentlich nicht zu fassen ist. Und das ist wichtig, um weiter zu erinnern – und damit das Erinnern kein Ende hat.

Denn es gibt sie leider immer noch und immer wieder: Menschen, die einen „Schlussstrich“ fordern, wo es keinen Schlussstrich gibt und keinen Schlussstrich geben darf. Diese Menschen gibt es selbst im Bundestag. Das sind vielfach dieselben Menschen, die das Leid, das Jüdinnen und Juden von meiner Urgroßelterngeneration angetan wurde, zu relativieren versuchen. Diese Menschen laufen zurzeit auch vielfach über die Straße, sie bringen u.a. die Impfpflicht mit dem Nürnberger Kodex in Verbindung und relativieren die Shoa auch auf andere maßlose und widerliche Weise, wie mit dem gelben Stern mit der Aufschrift „Ungeimpft“.

Einige von ihnen wollen sehr bewusst und böswillig den gesellschaftlichen Diskurs verschieben, sie werden wir auch mit einer breiten und zugänglichen Erinnerungskultur nicht erreichen. Aber viele, sicherlich der größere Teil, bekommen schlicht eine klare Abgrenzung nicht hin: Sie laufen auf Demonstrationen auch hier in Freiburg Seite an Seite mit Menschen, die antisemitische und antidemokratische Sichtweisen verbreiten. Doch wer sich nicht abgrenzt, trägt zu einer Normalisierung der antidemokratischen und antisemitischen Positionen bei. Deshalb ist es auf der einen Seite so wichtig, diesen geschichtsvergessenen, antisemitischen Vergleichen entschlossen entgegenzutreten, damit sie nicht selbstverständlich werden in unserer Gesellschaft. Aber die langfristige und nachhaltige Lösung muss natürlich fortlaufende Aufklärungsarbeit sein; Bildung und eine Erinnerungskultur, die genug Menschen erreicht und bewegt.

Deshalb bin ich sehr dankbar, dass anlässlich des 80. Jahrestages der Wannsee-Konferenz die wichtige Ausstellung „WIR! SIND! HIER!“, die die Menschheitsverbrechen und den Genozid der Nazis thematisiert und dabei Überlebenden der im Nationalsozialismus Verfolgten ein Gesicht gibt und ihre persönlichen Geschichten erzählt, hier in Freiburg gezeigt wird.“

Die Ausstellung „Wir! Sind! Hier!“ wird noch bis zum 27. März in der Synagoge in Freiburg ausgestellt.

Weitere Informationen:

https://www.wsh2022.de/